Dussek de webJohann Ludwig Dussek (1760-1812): Werke für Fortepiano

Fortepiano solo (60 min. mit Kommentar)

Die Liste der Verleger, die Dusseks Werke während seiner Lebzeiten veröffentlicht haben, liest sich wie ein „Who´s who“ der Verlagsgeschichte um 1800: Allein in London und Paris, den beiden Hauptwirkungsstätten des Böhmen, sind jeweils an die 20 verschiedene Verlags- oder Musikhäuser, grosse und kleine, mit Klavierwerken von Dussek an die Öffentlichkeit getreten. Ganz besonders aber war es der Verlag Breitkopf & Härtel in Leipzig, der sich um seine Verbreitung verdient gemacht hat, daneben rissen sich fast alle anderen, heute noch bekannten, damals noch am Anfang ihrer Firmengeschichte stehenden Verlage um seine Werke, z.B., Simrock in Bonn, C.F. Peters oder auch Hoffmeister & Kühnel in Leipzig, Schott in Mainz, Johann André in Offenbach, Artaria oder Diabelli in Wien, Nägeli in Zürich, Ricordi in Mailand, und noch weit darüber hinaus reicht der Kreis bis St. Petersburg auf der einen und Baltimore und Philadelphia auf der anderen Seite. Zahlreiche Publikationen erschienen natürlich auch im eigenen bzw. im Verlag seines Schwiegervaters Domenico Corri, in dessen Geschäft er 1792 als Teilhaber eingetreten war, nachdem er die Corri-Tochter Sophia, eine erfolgreiche Sängerin, Pianistin und Harfenistin, geheiratet hatte; nach einigen Jahren ging das Geschäft aber konkurs, und Dussek floh 1799 vor seinen Gläubigern aus London, ähnlich wie er offenbar zehn Jahre früher vor der Französischen Revolution aus Paris nach London geflohen war. Die meisten Werke wurden mehrfach nachgedruckt, etliche besonders bekannte Sonaten kamen in bis zu 10 verschiedenen Ausgaben bei den unterschiedlichsten Verlagen auf den Markt! Und kurz nach seinem Tod widerfuhr ihm eine Ehre, die nur den wenigsten Komponisten wie Haydn, Mozart oder Clementi vergönnt war: Breitkopf & Härtel veröffentliche (1813-1817) im Sinne einer „Gesamtausgabe“ eine Reihe von 12 Bänden mit den bedeutendsten Klavierwerken; der Komponist, der am 20. März 1812 starb, soll bei der Vorbereitung des Drucks geholfen haben. Dass dieser so berühmte Komponist nach seinem Tod so schnell vergessen worden ist, gehört zu den schwer verständlichen Erscheinungen der Musikgeschichte. Nicht einmal in den Briefen von Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Chopin oder Moscheles taucht sein Name auf.

Das Neue an diesem weitgereisten Virtuosen-Komponisten dürfte damals in seinem „grossen Spiel“ (s.o.) und seinem expansiven Wesen, gepaart mit Nuancenreichtum der Charakterisierung, gelegen haben. Das Brillante, der vollstimmige Klaviersatz, der volle Klang auf der Basis des modernen Klavierbaus, eine gewisse Dramatik auf der einen, aber auch Lyrik auf der anderen Seite, ein weiter Modulationsrahmen, vielfältigstes Passagenwerk, böhmisch-folkloristische Schlusssätze, ein unglaublicher Erfindungsreichtum im Melodischen und Harmonischen,- das sind einige Stichworte zu seinem Stil, mit dem er Kenner wie Liebhaber begeisterte und, in Richtung Frühromantik, seiner Zeit voraus war. Nicht nur „unterhalten“, sondern „erobern“ wollte er sein Publikum, alle Möglichkeiten seines Instruments nutzte er dafür aus, das Wesen des Klaviers hat er verstanden wie kaum jemand anderes, allenfalls vor ihm Clementi oder nach ihm Chopin. Die Kritik hob andererseits auch das manchmal ausufernde Wesen dieses überbordenden figurativen Stils hervor, so etwa der Rezensent der AmZ vom August 1811: „Wir rechnen aber zu diesen Schwächen…“, dass „das Gefühl für strengen Rhythmus nicht entscheidend genug sich in D’s Innerm regt, um die erwärmte Phantasie stets genugsam zu zügeln“, „dass ihn eben die Wärme der letztern beym Ausspinnen einmal ergriffener Figuren nicht selten gar zu weit in die Breite, und dabey zuweilen wol auch in das Leere, obgleich dem Ohr nirgends unangenehme Spiel hinaus treibt.“

Zu seinem „grossem Spiel“ gehörten Instrumente, die in klanglicher Hinsicht ebenso viel „Neues“ brachten wie seine Werke. Ein Klangvolumen wurde hier vorausgesetzt, das weit über den eher traditionellen Wiener Klavierbau hinausging. Repräsentativ für diese Modernisierung war die Firma Broadwood, mit der Dussek enge Verbindungen unterhielt und für die er sogar in der Verkaufsvermittlung tätig war – mit den Provisionen konnte er offenbar sein Einkommen nicht unbeträchtlich aufbessern. Die englischen Instrumente verfügten über einen dickeren Resonanzboden als die Wiener Instrumente, mit denen Dussek aufgewachsen war, über schwerere Hämmer, einen breiteren, runderen Klang und wachsenden Tastatur-Umfang, zuerst auf 5 ½, dann 6 Oktaven, ein Prozess, an dem Dussek massgeblich beteiligt war. Ob eher die Kompositionen einen neuen Klaviertyp hervorriefen oder der neue Klang dynamischere, kontrastreichere Musik ermöglichte, ist schwer zu sagen. Einiges Licht wirft eine lapidare Notiz in John Broadwoods Geschäftsbuch vom 13. November 1793: „In den letzten drei Jahren haben wir einige Flügel mit 5 ½ Oktaven Tonumfang gebaut; der erste, um Dussek zufriedenzustellen; dann, weil es gefiel, bestellte Cramer jun. auch einen.“ Es ist bekannt, dass in späterer Zeit Beethoven Broadwood-Instrumente bevorzugte, besonders infolge seines schlechter werdenden Gehörs.

Auf Grund aller Berichte und der erhaltenen Briefe kann man sich gut vorstellen, dass Dussek als Charakter und als Musiker-Typ ein anregender, imponierender, warmherziger Freund und Kollege war, sowohl für die Angehörigen der vornehmen Gesellschaft wie für seine Berufsgenossen. Vor Marie Antoinette hat er gespielt, Napoleon hat ihn gehört, bei Prinz Louis Ferdinand war er 1804 bis 1806 „Kapellmeister“, Lehrer, Freund, Komponist, offenbar geradezu „Kumpel“, denn Louis Spohr berichtet in seiner Selbstbiographie über das lockere Leben am Hofe des Prinzen. Nach dessen Tod in der Schlacht bei Saalfeld gegen die Napoleonische Armee war Dussek dann ab 1807 bis zu seinem Tod 1812 bei Fürst Talleyrand angestellt, dem französischen Aussenminister: An Erfolgen hat es in Dusseks Leben nicht gefehlt.

Dr. Peter Reidemeister